Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Balintgruppen im April und Mai (wenn nicht bis Mai ein Wunder geschieht) werden nicht stattfinden können. Grundsätzlich garantiere ich, dass im Herbst diesen Jahres dafür Ersatz geboten wird. Das wird jedoch die Probleme einiger Kolleginnen und Kollegen mit ihren Facharztprüfungen nicht lösen können. Ich habe die Ärztekammer Westfalen-Lippe auf dieses Problem hingewiesen. Ich gehe davon aus, dass Lösungen für Ihre besondere Problematik gefunden werden.

Äußerst bedauerlich ist, dass in einer Situation vielfältiger persönlicher Belastungen der Ärztinnen und Ärzte die Balintgruppen ausfallen und dieser Aspekt der Selbstfürsorge nicht zur Verfügung steht. Ich biete Ihnen daher an den Tagen des vorgesehenen Balintgruppentreffens einen Videochat zur Supervision an und darüber hinaus, mich in allen Situationen des persönlichen Stress oder schwieriger Interaktionen mit Ihren Patienten anzurufen oder per E-Mail kontaktieren zu können (E-Mail: info@irisveit.de, Mobil: 0173 2841188). Wenn Sie diesen Video-Chat wahrnehmen wollen, melden Sie sich per E-Mail: psg@irisveit.de an und legen Sie sich ZOOM als App für den Videochat zu.

Zwecks Ihrer Selbstfürsorge möchte ich Ihnen an dieser Stelle nochmals in Erinnerung rufen, was auch aus der Therapie belasteter Patienten sich als sinnvoll herausgestellt hat:

  • Reden Sie mit anderen - aber nicht den ganzen Tag über dieses Thema!
  • Praktizieren Sie ein Entspannungsverfahren!
  • Gönnen Sie sich jeden Tag etwas Gutes und pflegen Sie besonders die Beziehungen, die Ihnen gut tun!

Die Unsicherheit in der Bevölkerung, die jetzt schon groß ist, wird wachsen! Dies betrifft alle Schichten: den Kreativsektor, der vor allen Dingen in der neuen Mittelschicht beheimatet ist, weil ihre Existenz unmittelbar bedroht ist, die alte Mittelschicht, deren familiäre Bindungen besonders gefährdet sind, weil sie als Großeltern nicht besucht werden dürfen und sich einer möglichen Kontaktsperre über lange Zeit ausgesetzt sehen. Selbst die Menschen aus der Oberschicht fürchten um ihre finanziellen Anlagen. Gesellschaftliche Ungleichheit wird sich als gesundheitliche Ungleichheit auch in der Corona Krise zeigen.

Auch wenn Solidarität und Liebe gesamtgesellschaftlich wächst, wird

  • dem Zuwachs von Panikattacken,
  • den Auswirkungen von Verlusten, Verstärkung von Einsamkeit, mangelnder Resonanz für das eigene Selbstwertgefühl und damit den Depressionen oder gar Suizidalität,
  • und auch Zunahme von Traumatisierung durch wachsende Gewalt in der Enge Rechnung getragen werden müssen.

Wir wissen, dass Beziehungen heilen. Zum einen erfahren bestimmte Berufsgruppen eine Wertschätzung, die bisher die ihnen zustehende Anerkennung nicht erhalten haben; und insgesamt erfährt der Egoismus und die Konzentration auf das Subjektive eine Ächtung. Stattdessen wird das Gemeinsame betont. Das ist eine gute Entwicklung. Andererseits wird durch Kontaktsperre und die Arbeitsweise in der Primärversorgung die Wirkung von Beziehung teilweise außer Kraft gesetzt.

Wir Ärzte sehen, dass die digitale Welt leichter für uns zu nutzen ist, als wir es bisher gedacht haben. Das ist eine gute Entwicklung. Dennoch bleibt mehr denn je bestehen, dass die persönliche Patient Arzt Beziehung ein wichtiges Werkzeug der Heilung ist und Ressource ist, die dem Gesundheitswesen zur Verfügung steht. Wenn wir dies unter dem Eindruck der Akutversorgung aus dem Blick verlieren, wird das zukünftig gravierende Folgen haben. Wenn wir über Folgen dieser Krise für die Zukunft schon Gedanken aufwenden, dann sollte

  • neben der Stärkung des Gemeinwohlgedankens aller Institutionen der Versorgung,
  • der Stärkung eines kommunalen Gesundheitswesens,
  • der Stärkung multiprofessioneller Teams auch
  • die Stärkung einer Beziehungsmedizin in den Blickpunkt rücken.

In einem Gesundheitswesen, dass die Krankenhäuser und die Gebietsmedizin bisher betont, fällt die hausärztliche Versorgung aus dem öffentlichen Blick und den Medien heraus. Die Gefahr in den nächsten Wochen ist, dass die chronisch Kranken in der Betreuung und Versorgung ihrer Primärerkrankungen unter den Tisch fallen oder unzureichend versorgt sind. Alle regelmäßigen Kontrollen sind außer Kraft gesetzt, Hausbesuche ebenso. Pflegeeinrichtungen mit den multimorbiden alten Kranken sind durch Enge und Kontaktsperre besonders gefährdet.

In den nächsten Wochen wird der Primärversorgung, also besonders Hausärztinnen und Hausärzten, möglicherweise die Aufgabe zufallen zu entscheiden, wer in die Krankenhäuser geschickt wird oder wer nicht. Dies ist zum einen etwas, was sie aufgrund einer Gesamtsicht auf den Patienten und Kennung seines psychosozialen Umfelds und Wissen um seine persönlichen Zielsetzungen gut können. Auf der anderen Seite verfügen sie nicht über das Wissen der Zustände in den jeweiligen stationären Einrichtungen. Diese komplexe Situation erfordert Kooperation zwischen den Primärversorgern und den Notfallambulanzen der Krankenhäuser. Nur Kooperation kann in dieser Situation helfen, welche Formen auch immer für diese Kooperation gefunden werden.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für die nächste Zeit!

Ihre Iris Veit